Dr. Lukas Köhler

GoodNewsSaturday

Good News, everyone!

Die Anzahl der Menschen, die Zugang zu Elektrizität haben, steigt beständig. Aus ökologischer Perspektive mag das als keine gute Nachricht erscheinen - zumindest oberflächlich betrachtet. Stellen wir uns aber mal genauer vor, wie ein Leben ohne Elektrizität für uns alle aussähe, klingen die Worte von ourworldindata.org sehr plausibel:

"Der Zugang zu Energie ist ein wichtiger Pfeiler für das menschliche Wohlergehen, die wirtschaftliche Entwicklung und die Linderung der Armut. Die Gewährleistung eines ausreichenden Zugangs für alle Menschen ist eine ständige und dringende Herausforderung für die globale Entwicklung." (Übersetzt von deepl.com) Entsprechend halte ich den ersten Teil des siebten Ziels der Global Goals For Sustainable Developementauch für elementar: 

Bis 2030 sollen alle Menschen Zugang zu moderner Energie haben - entsprechend ist das hier meine Grafik des Tages, die zeigt, dass wir auf dem richtigen Wege sind:

Vor allem mit Blick auf Strom für den Herd, der offene Feuerstellen im Haus ersetzt, sorgt diese Entwicklung für eine bedeutende Verbesserung bei der Luftverschmutzung in Innenräumen - und senkt damit die Kindersterblichkeit erheblich! Ebenso erheblich sind aber auch die nächsten beiden Teile des siebten Global Goals: Ebenfalls bis 2030 soll der Ausbau der erneuerbaren Energiequellen sowie die Verdoppelung der Weiterentwicklung von Energieeffizienz erreicht werden. Entsprechend sind es ebenfalls GoodNews, dass die Menge der aus erneuerbaren Quellen produzierten Energie sich innerhalb nur eines Jahrzehnts verdoppelt hat: 

 

Auch die Preisentwicklungen für Erneuerbare Energien sind durchaus positiv. Hier die Entwicklung zwischen 2010 und 2018, wobei der gelbliche Querbalken den Preisbereich der fossilen Energie angibt:

Quelle

Dabei fällt auf, dass vor allem Strom aus Photovoltaik- und Onshore-Windkraftanlagen schon 2018 am unteren Rand der Kosten für fossile Energien angekommen waren; Strom aus Biogasanlagen, Geothermie und Wasserkraft haben das sogar schon früher geschafft. Auch darf nicht vergessen werden, dass im Jahr 2018 nur etwa 10% der Emissionen von Energie aus fossilen Trägern in Emissionshandelssysteme eingebunden waren. Würden die restlichen 90% ebensolche Kosten für CO2-Zertifikate verursachen, dürfte der gelbliche Balken nach oben wandern, was die Erneuerbaren in Relation noch günstiger werden ließe. Die Ausweitung des Emissionshandels würde also direkt zur Erreichung des siebten Global Goals beitragen: Bezahlbare und saubere Energie für alle!

Hinzu kommt der sozioökonomische Aspekt des Umweltschutzes: Wenn die bevölkerungsreichen Entwicklungs- und Schwellenländer bei ihrer Flucht aus der Armut, die sie mit aller Kraft fortsetzen werden, auf die selben fossilen Technologien setzen, wie etwa EU und USA damals, bekommen wir beim Klimaschutz ein echtes Problem. Deshalb ist es unerlässlich, dass wir beim Verfolgen des siebten Global Goals nicht die Fehler wiederholen, die damals in EU und USA begangen wurden - weil man zuerst nichts von der klimaschädlichen Wirkung wusste und selbst dann, als es bekannt war, keine alternativen Energieformen an den Start gebracht hatte.

Jetzt sind diese Alternativen da - jetzt müssen sie auch genutzt werden. Als Übergangstechnologie kann Gas fungieren; auch effiziente Kohlekraftwerke sollten noch so lange betrieben werden, wie sie angesichts der rapide steigenden Zertifikatspreise rentabel sind. Und wenn wir erst soweit sind, überschüssig produzierte Solar- oder Windenergie entweder in Wasserstoff oder zusammen mit CO2 zu E-Fuels zu verwandeln, sodass wir die Energie dorthin bringen können, wo sie benötigt wird, sind wir fein raus. Auch sollten wir nicht vergessen, dass die Sonne uns jeden Tag etwa 40 mal so viel auf die Erdoberfläche schickt, wie die heutige Weltbevölkerung in einem Jahr benötigt - das muss noch besser genutzt werden!

Und dann ist da noch die große Hoffnung und der Wunschtraum der Wissenschaft: die Kernfusion. Ich bin sicher nicht der einzige, der höchst gespannt der Fertigstellung des International Thermonuclear Experimental Reactor, kurz ITER, entgegenblickt. Im März 2020 ist die Konstruktion in die Montage des eigentlichen Reaktors eingestiegen, die noch 4,5 Jahre dauern wird. Bisher verläuft alles nach Plan und ab 2025 werden die Experimente starten, die den Weg zu unbegrenzter sauberer Energie bahnen sollen. Klar: Der Weg dahin ist noch verdammt weit. Das Anschlussprojekt DEMOnstration Power Plant, das erstmals Strom ins Netz einspeisen soll, wird das frühestens ab 2040 bewerkstelligen. Sollte das allerdings gelingen, dann steht einer großflächigen Nutzung der Kernfusion nichts mehr im Weg.

Und an der Stelle möchte ich an Stephen Hawking erinnern, der auf der letzten Seite seines letzten Buches "Kurze Antworten auf große Fragen" eine Frage beantwortet, die ihm auch blick.ch gestellt hat - voilà: 

"Von welcher – kleinen oder grossen – Idee, welche die Welt verändern kann, wünschen Sie, dass die Menschheit sie umsetzt?

Das ist einfach zu beantworten. Ich wünsche mir die Weiterentwicklung der Fusionsenergie, die uns ein unbegrenztes Quantum an sauberer Energie liefern würde. Und den Umstieg auf Elektroautos. Kernfusion würde zu einer praktischen Energiequelle und uns – ohne Umweltverschmutzung oder globale Erwärmung – mit einem unerschöpflichen Vorrat an Energie versorgen."

Meint ihr, solche Dinge klingen nach Spinnerei? Nach Schönmalerei? Oder gar verrückt? Dann lest euch doch mal ein paar der größten Fehlprognosen der Vergangenheit durch:  

«Wenn die Weltausstellung in Paris zu Ende geht, wird man nie mehr etwas von elektrischem Licht hören.»
Sir Erasmus Wilson, 1878

«Schwerer als Luft? Solche Flugmaschinen sind unmöglich.»
Lord Kelvin, Präsident Royal Society, 1895

«Es gibt so gut wie keine Chance, dass Kommunikations-Satelliten für bessere Telefon-, Telegrafen-, Fernseh- oder Radiodienste genutzt werden.»
T.A.M. Craven, Kommissar der staatlichen Kommunikationsbehörde der USA (FCC), 1961

«Das Internet wird nicht mehr Einfluss haben auf die Wirtschaft als das Faxgerät.»
Paul Krugman, Nobelpreisträger und NY-Times-Kolumnist, 1998

Quelle

Also: ein bisschen Possibilismus und Technologieoffenheit bitte! Denn erstens kennen wir unser Ziel, zweites sind wir sind auf dem richtigen Weg dorthin und drittens können wir heute noch gar nicht sagen, welche Technologien uns letztlich ins postfossile Zeitalter bringen werden. Wer heute felsenfest behauptet, eine bestimmte Technologie werde es "auf jeden Fall" oder "auf keinen Fall", hat beste Chancen irgendwann einmal in der Liste der größten Fehlprognosen der Vergangenheit zu landen. Wer hingegen politische Verantwortung trägt und mangels Bescheidenheit meint, die eine Technologie bevorzugen und die andere benachteiligen zu müssen, verzögert, behindert oder verhindert sogar den Kampf gegen den Klimawandel. Als Liberaler bleibe ich dabei: 

Alle Menschen haben den Drang danach und das Recht darauf, sich aus einem Leben in Armut und Leid zu befreien. Mit welchen Mitteln diese Flucht stattfinden kann, ohne dabei wiederum die Rechte Anderer zu verletzen, ist längst noch nicht entschieden - time will tell!

Morgen, zum Abschluss der GoodNewsWeek, schaue ich mir schließlich eines der größten, vielleicht DAS größte vermeintliche Horrorszenario unserer Zeit an: Die Bevölkerungsexplosion - die längst gestoppt ist. 

Bis dahin also, 

Euer Lukas Köhler