Dr. Lukas Köhler

GoodNewsFriday

+ CO2 Emissionen in USA und EU sinken + Emissionshandelssysteme wirken und verbreiten sich + Klimaschutz ist nicht nur nötig, sondern auch möglich

Liebe Leserinnen und Leser, 

als klimapolitischer Sprecher der FDP Fraktion im Bundestag kommt am heutigen Freitag "mein Thema" entsprechend ausführlich auf den Tisch der guten Nachrichten: die sinkenden Treibhausgasemissionen. Zuerst aber auch hier mein klares Problembewusstsein: Ja, die Emissionen von Treibhausgasen sind zu hoch. Viel zu hoch. Und ja, die Folgen dieser Emissionen sind problematisch. Höchst problematisch - genau deswegen bin ich mit Leib und Seele Klimapolitiker! Aber ein Aspekt wird in der Debatte meines Erachtens etwas vergessen, und auch den will ich wieder mit einer Grafik darstellen: 

Ich weiß, zuerst fällt in beiden Kurven der massive Anstieg seit 1950 auf - aber inzwischen sinken die jährlichen Emissionen der EU und der USA! Die EU hat den Höhepunkt ihrer Emissionen ("Peak CO2") im Jahr 1979 erreicht - seitdem sinken die Emissionen. In den USA liegt Peak CO2 erst im Jahr 2007, aber seitdem sind auch sie "über'n Berg". Und das ist wichtig, denn zusammen sind EU und USA für jährlich immerhin 25% der Emissionen verantwortlich. Kumulativ betrachtet, also über die Jahre zusammengerechnet, wird die Rolle von USA und EU beim Klimaschutz wirklich zentral:

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Gar nicht mal so diplomatisch

Für Vertreter der EU und der USA wäre es in internationalen Verhandlungen also wirklich schwierig , etwa folgende Message zu transportieren:

"Liebe Chinesinnen und Chinesen, liebe Inderinnen und Inder, wir haben schlechte Nachrichten für euch. Ihr befreit euch durch die Nutzung fossiler Energie zwar gerade aus der Armut, und die Verfügbarkeit von Strom ist bei der Armutsflucht das beste Vehikel. Strom ermöglicht Wirtschaftsleistung, ersetzt offene Kochstellen im Haus und Hausarbeit von Hand und verschafft euch dadurch Zeit für Erwerbsarbeit, kann Schulen und Krankenhäuser betreiben, und so weiter ... Wir wissen das alles, weil wir es mal genau so gemacht haben, weshalb wir heute quasi im Schlaraffenland leben - aber! Für euch geht das jetzt nicht mehr, sorry - schaut euch doch bitte mal bitte diesen beiden Grafiken an!"

So undiplomatisch würde sich natürlich kein Diplomat ausdrücken, aber letztlich ist das genau die Botschaft, die in Schwellenländern ankäme - weil sie der Realität entspräche. Der einzig richtige Weg, dieses Problem so anzugehen, lautet: insbesondere EU und USA müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Nur wenn wir zeigen, dass Umweltschutz die Flucht aus der Armut nicht bedroht, werden uns andere Länder auf diesem Weg folgen. Mancherorts gibt es dafür auch schon erste Anzeichen: 

Fügt ihr in der ersten Grafik China hinzu, braucht es nach dem phänomenalen Anstieg der Emissionen schon fast Phantasie, um eine Trendumkehr zu entdecken - aber eben nur fast, denn auch dort ist der konstante Anstieg zumindest schonmal unterbrochen. Das mag nur ein erster Schritt sein, aber die CO2-Emissionen Chinas zu reduzieren, dürfte ungefähr so schwierig sein, wie einen Tanklaster zu bremsen. 

Wir halten also fest: Die Armutsflucht heutiger Schwellen- und Entwicklungsländer wird weitergehen - und das ist auch gut so! Damit dies aber nicht weiterhin zu Umweltzerstörung führt, müssen neue Technologien her ... auch dazu später mehr.

Reich durch CO2

Klimapolitik ist also auch deswegen so schwer, weil CO2-Emissionen die direkte Folge von einem Leben außerhalb der Armut sind - und das will ich niemandem verwehren! Die Kunst besteht jetzt darin, Wirtschaftswachstum von Emissionen zu entkoppeln. Wie dies geschieht, schauen wir uns gleich an, aber zuerst will ich einen Blick auf die Kurve werfen, die zeigt, wie viel Kilogramm CO2 ein Land für jeden Dollar des Bruttoinlandsprodukts emittiert: 

Auch hier schwebt die chinesische Kurve noch über allen anderen, kann aber auch die beste Entwicklung von allen verbuchen. Ein Land wie Schweden hingegen (das in vielerlei Hinsicht mit China nicht  vergleichbar ist) ist Spitzenreiter: das skandinavische Land holt aus jedem Kilogramm CO2 das meiste Geld, oder, andersherum betrachtet, emittiert mit jedem Dollar, den sie erwirtschaften, am wenigsten CO2. Und weil bekanntlich erst das Fressen und dann die Moral kommt, wundert es auch kaum, dass sich genau die Menschen am stärksten für das Klima einsetzen, denen es wirtschaftlich am besten geht.

Denn: Wer satt ist, nicht auf dem Feld arbeiten, barfuß mehrere Kilometer zum Brunnen wandern oder sich darum sorgen muss, ob das eigene Kind den fünften Geburtstag noch erlebt, kann sich natürlich gut Gedanken um Klimaschutz machen - für alle anderen wäre ein Kohlekraftwerk, mit dessen Hilfe sie ihrem Elend entfliehen können, eine uneingeschränkt gute Nachricht! Und auch innerhalb der reichen Länder zeigt sich: Wer sich keine Gedanken um die nächste Miete, die Versetzung in die nächste Klasse oder seine berufliche Zukunft machen muss, hat genug materielle und intellektuelle Ressourcen übrig, um für Klimaschutz zu demonstrieren - alle anderen haben eben andere Sorgen. Das ist kein Vorwurf, nur eine nüchterne Betrachtung - und die ist das beste Mittel gegen die elitäre Haltung mancher Klimaschützer, "die anderen" seien "böse Klimasünder" und wären "nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht", während ihnen "das Klima sch***egal" sei. Genau so ging es schließlich auch unseren Vorfahren; und genau so ginge es sicherlich auch uns heute, wenn wir nicht - so verrückt das klingen mag! - mithilfe klimaschädlicher Technologien von anderen Sorgen befreit wären.

Das wichtigste, was Deutschland, die EU und andere Industrieländer jetzt tun können, lautet: mit gutem, innovativen Beispiel vorangehen, indem sie zeigen, dass Wirtschaftswachstum und Klimaschutz zugleich möglich sind. 

Tatendrang statt bloßer Hoffnung

Kommen wir also zur Lösung des Problems: Wenn immer mehr Menschen in immer weniger Armut leben, steigt der Energiebedarf der Menschheit erheblich. Angesichts dieser Entwicklung Askese und Minuswachstum zu predigen, ist nicht nur naiv, sondern auch gefährlich - weil Klimaschutz zwar möglich ist, aber ziemlich teuer wird. Wir brauchen also nicht weniger Wirtschaft, weniger Konsum und weniger Technologien, sondern andere Formen davon - bessere!

Diese müssen entwickelt werden, und das ist eine echte Kernkompetenz des Homo Sapiens Sapiens. Weitere Kernkompetenzen sind allerdings auch Effizienz und Hedonismus, will meinen: Menschen werden immer nur an den Dingen arbeiten, die wirklich dringend nötig sind bzw. ihnen einen Vorteil verschaffen. Das kann man beklagen und verteufeln - oder man kann es akzeptieren und nutzen, in dem man wirtschaftliche Anreize für umweltfreundliches Verhalten setzt. Voilà: das tut der Emissionshandel!

Zugegeben: Der Europäische Emissionshandel (European Emission Trading System, oder wie wir in der Hektik unseres politischen Alltags sagen: ETS) ist eine ausgesprochen komplexe Angelegenheit; die Idee dahinter ist jedoch furchtbar einfach: Ausgehend von dem Wissen, dass die Emissionen sinken müssen, versteigert die EU Berechtigungen zum Ausstoß von Treibhausgasen. Wer emittieren will, muss Zertifikate ersteigern und diese am Ende des Jahres vorlegen; wer ohne Zertifikat emittiert wird so empfindlich zur Kasse gebeten, dass die Bilanz zerstört wird. Der Trick und die einfache Botschaft lauten: Die Gesamtmenge der Emissionen wird staatlich festgelegt, jeder Ausstoß darüber hinaus strengstens verboten und die Anzahl der Zertifikate, die jährlich versteigert werden, sinkt nach einem festgelegten Pfad. Der Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage treibt dann die Preise in die Höhe - und zwar gewaltig:

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So werden die Akteure des Marktes dazu angereizt - besser gesagt: gezwungen, klimafreundliche Alternativen zu entwicklen und einzusetzen. Unternehmen, die nicht mit der Zeit gehen, versauen sich ihre Bilanz und müssen mit der Zeit gehen. Wer hingegen auf klimafreundliche Technologien umstellt, verschafft sich damit einen wirtschaftlichen Vorteil. Ökonomie und Ökologie sind also keinesfalls Gegensätze, sondern - ganz im Gegenteil - ein echtes Traumpaar, und der ETS ist gewissermaßen die Hochzeit der beiden.

Und das Schönste daran ist: Die Liebe zwischen Ökonomie und Ökologie ist ausgesprochen fruchtbar! Die folgende Grafik zeigt, dass der EU ETS vor allem in den letzten Jahren richtig Fahrt aufgenommen hat und inzwischen für sinkende Emissionen sorgt:

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Extremely GoodNews: Der Sieg über den Klimawandel ist möglich!

Deswegen sind es auch echte GoodNews, dass sich Emissionshandelssysteme immer weiter auf der Welt verbreiten. Ein Blick auf die Karte zeigt: wichtige globale Player haben schon Handelssysteme eingerichtet oder sind dabei. Eine These, die unter den Verhandlungsführern bei den Klimaverhandlungen verbreitet ist und der ich mich auch anschließe ist, dass wir einen Domino-Effekt auslösen, wenn wir es schaffen, Asien, die EU und Nordamerika mit Handelssystemen auszustatten. Dann wird dadurch in der internationalen Gemeinschaft so viel Druck aufgebaut, dass die anderen Ländern nachziehen werden. Schon jetzt sind laut Statusreport des ICAP fast 10% der weltweiten Emissionen in Handelssysteme einbezogen, bis 2021 werden es 14% sein. Die bis dahin beteiligten Länder machen 42% der globalen Bruttoinlandsprodukte aus. Das zeigt, dass längst noch nicht alle Sektoren einbezogen sind. Wir müssen also nicht nur internationale Partner gewinnen, sondern auch dafür sorgen, dass alle Emissionen, bei denen es möglich ist, in die Handelssysteme einbezogen werden. Wenn wir das schaffen, dann werden wir auch den Kampf gegen den Klimawandel als globale Gemeinschaft gewinnen - und ich finde, das ist eine der wichtigsten Botschaften, die ich euch in meiner Woche der guten Nachrichten mitteilen kann!

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Zuletzt noch ein weiterer, recht technischer Punkt: Auch das IPCC ist sicher, dass es ab einem bestimmten Punkt nicht mehr ausreicht, weniger bzw. gar kein CO2 mehr zu emittieren. Um den Anstieg der mittleren Temperatur auf Erdoberfläche auf 1,5 °C (im Vergleich zum Jahr 1800) zu begrenzen wird es dringend nötig sein, der Atmosphäre auch CO2 wieder zu entziehen. Auf Englisch spricht man von Carbon Dioxide Removal, kurz CDR - eine bisher furchtbar aufwendige Technologie, die dringend weiterentwickelt werden muss, um das große Klimaziel zu erreichen. Doch wer glaubt, bei CDR handele es sich um graue Theorie, also gewissermaßen "Science Fiction", den verweise ich an ein Unternehmen in der Schweiz, in dem CDR schon "Science Reality" ist:

Doch neben CDR gibt es noch zwei weitere wichtige Abkürzungen, an denen schon lange und fieberhaft gearbeitet wird: CCS, Carbon Capture and Storage, also das Speichern von CO2, und CCU, Carbon Capture and Usage, was die Nutzung von CO2 meint. Beide Technologien folgen der Einsicht in die Tatsache, dass CO2 an sich kein Gift ist, sondern nur in zu hoher Konzentration in der Atmosphäre als solches wirkt - aber eben auch ein Rohstoff sein kann. Wie CDR gehören CCS und CCU zum sogenannten Geo-Engineering. Und obwohl alle drei Technologien in höchstem Maße umweltfreundlich und zentral beim Kampf gegen den Klimawandel sind, werden sie von traditionellen Umweltschützern als "sündhafter Eingriff in Mutter Natur" betrachtet und politisch regelrecht verhindert - das ist vollkommen irrational und steht dem wirkungsvollen Klimaschutz, den diese Umweltschützer sich selbst auf die Fahnen schreiben, leider gänzlich im Wege.

Zum Abschluss aber wieder mein klares Bekenntnis dazu, die Ärmel hochgekrempelt zu lassen! Denn zweifelsfrei liegt noch ein weiter klimapolitischer Weg vor uns und bisher ist es eine offene Wette, ob wir unser selbst gesteckten Ziele erreichen und die schlimmsten Folgen verhindern können. Aber an dieser Stelle will ich mal wieder an Hans Rosling erinnern, der einen Begriff geprägt hat, mit dem ich mich sehr gut identifizieren kann: 

Quelle

Because we can!

Hans Rosling schrieb, er sei weder Optimist, der den Fortschritt der Welt für selbstverständlich hält, also an ihn "glaubt", noch sei er Pessimist, der den Fortschritt der Welt nicht anerkennt, also "nicht an ihn glaubt". Stattdessen wolle er nicht "glauben", sondern die Welt so sehen, "wie sie wirklich ist" - daher auch der Untertitel seines Buches "Factfulness". Entsprechend bezeichnet er sich als "Possibilist", der die Welt nicht emotional sondern analytisch betracht und auf Basis der real existierenden Verbesserungen davon überzeugt ist, dass es möglich ist, auch die anderen Probleme zu lösen, die auf unserer Agenda stehen. Und wenn ich mir anschaue, was wir in Sachen Klimaschutz schon geschafft haben, seitdem die Awareness für das Thema vorhanden ist, bin auch ich ganz Possibilist und guter Dinge, dass wir es schaffen werden, die globalen Emissionswerte noch "über'n Berg" zu bekommen - auch wenn bis "global Peak CO2" noch ein riesiges Stück Arbeit vor uns liegt.

Morgen schaue ich mir dann eine Entwicklung an, die direkt mit dem heutigen Tag zusammenhängt: die Verfügbarkeit von Elektrizität und die möglichen Wege ihrer Gewinnung. Bis morgen also, wenn es wieder heißt: Good News, everyone!

Euer Lukas Köhler